Interview mit dem Hamburger Künstlerduo Zonenkinder Collective

2. April 2014
6 mins read

Am 4. April 2014 eröffnet die Ausstellung des Hamburger Künstlerkollektiv Zonenenkinder, bestehend aus Carolin und Philipp Goldstein, im Hamburger Open Space “Das Bürro“.

Ich habe die beiden Künstler im Rahmen der Vorbereitungen der Ausstellung zu einem Interview getroffen und mit dem Künstlerduo über ihre Arbeit, den Einfluss von Stadt und Natur auf ihr Schaffen und die kommende Werkschau der Zonenkinder gesprochen.

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aus der “freaks of nature” series, ohne Titel, Blankenese 2014

Ihr lebt und arbeitet als Künstlerduo in Hamburg. Was hat euch nach Hamburg gebracht?

Ja, derzeit sind wir aus Hamburg, denn die Stadt mit ihrer Weitläufigkeit, ihren vielen zu entdeckenden Nischen(t)räumen, dem vielen Grün in allen Schattierungen und natürlich dem Wasser hat ihren ganz besonderen Reiz und eine abwechslungsreiche Urban Art Kultur hervorgebracht. Wichtig für unseren produktiven Kreativitätsfluss sind vielfältige und kontrastreiche Einflüsse, wie wir sie in Hamburg gefunden haben.

Ihr habt beide euren künstlerischen Background in der Hip-Hop- und Graffiti-Kultur. Durch welche Stile und Einflüsse wird eure Arbeit noch inspiriert?

Oh, durch vieles. Besondere Orte, Musik, Farben und Atmosphäre, Naturschauspiele, bizzare Formen und organische Muster, Reisen, Menschen…Im künstlerischen Bereich z.B. durch die „Figuration Libre“ Bewegung und den (Pop)Surrealismus oder Künstlerpaare wie Niki de Saint Phalle & Jean Tinguely sowie Christo und Jeanne-Claude. Doch eben auch durch unsere Leidenschaft für die Graffiti-Kultur und die Urban Art. Wir freuen uns über jeden „Tag“ oder verpeilten Charakter auf einem Sticker, bunte Farben auf Bahnen oder in den Straßen, die Streetzeichnungen von OZ, aber vor allem lieben wir den Kontrast zwischen den schnell angebrachten Throw-Ups oder Tags und ausgefeilten handgefertigten Streetpieces, Poster, 3D-Objekte, eben wenn die beiden unterschiedlichen flavors zusammen kommen, aber die ähnliche Leidenschaft im Hintergrund brodelt. Die Stadt wird dadurch zur Galerie – for free, zum Gesamtkunstwerk und ihre Flächen zur Grundlage einer Art „Petersburger Hängung“ im Außenbereich. Das ist auch Ausdruck eines Lebensgefühls.

Ich würde die Kunst der Zonenkinder klar im Bereich der „Urban Art“ ansiedeln. In der Street Art liegt der urbane Raum als Arbeitskontext nahe. Ihr arbeitet jedoch viel mit der Natur und dem Natürlichen. Woher kommt euer starker Bezug und Vorliebe zur Natur?

Es ist für uns wichtig, ein Sujet, einen Stil und eine eigene Position zu entwickeln. Die ist ein fortwährender Prozess: ausprobieren, hinterfragen, dann plötzliches Entspannt- und Zufriedenseins, dann wieder Langeweile und manchmal auch Scheitern, Grenzen verschieben, weitergehen, ein Weiterentwickeln und Weitervorantasten, um schließlich zu sehen: „wow! Das funktioniert“!

Euer Raum für Interventionen ist sowohl die „Natur“ als auch die „Stadt“. Welche Umgebung inspiriert euch mehr?

Beides! Wir genießen es in Bewegung zu sein. Das Abwenden von der städtischen Hektik und Unruhe entschleunigt. Das Gehen inspiriert uns dazu, zu diskutieren, nachzudenken, zu reflektieren und gemeinsam neue Ideen zu entwickeln.

Wir lieben das urbane Leben ebenfalls, klar. Doch die teils einfallslose moderne Architektur, die einen blitzblank abblitzen lässt, die endlosen immer gleichen Shoppingmeilen oder Bratwurstevents, lassen viele Städte immer gleicher und damit auswechselbarer und langweiliger werden. Vor allem der vielfältige kreative Ausdruck und Aktivismus, der sich insbesondere in der Stadt entfaltet und seine Spuren im urbanen Raum hinterlässt, gibt den Städten (natürlich neben herausragend schönen architektonischen Bauwerken) ihren Wiedererkennungswert, den besonderen Reiz – jenseits einer grauen Gleichförmigkeit, in der man als anonyme (berufliche) Funktionsposten und austauschbare Kreditkartennummern in der Masse einfach sang und klanglos unterzugehen droht. Warum lieben denn alle die Schanze und St-Pauli oder Berlin Kreuzberg? Wir meinen, vor allem wegen dem einzigartigen Charme, an welchem die Urban Art einen nicht zu unterschätzenden Anteil hat.

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„Manifestation“ – Spraypaint, Krink; Hamburg

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„Home of the Homeless“ & „Pipes“- Objets Trouvés, Acrylics, Spraypaint; Wiesbaden

Wie wählt ihr die Orte und Objekte aus, mit denen ihr arbeitet?

Zum einen ist es ein Spiel mit dem Raum und im Raum, Objekte oder Orte werden in einer Stimmung, die sich zwischen Chaos und Spontaneität, Achtsamkeit und klarer Offenheit einpendelt, entdeckt und bespielt. Es muss aber schon „etwas da sein“ bzw. mit unserem Blick zusammentreffen und uns magisch anziehen, das wir dann herausarbeiten – am Spot selbst aber auch bezogen auf die objets trouvés.

… ich stelle mir vor, dass man solche Orte am besten bei langen Spaziergängen durch den Wald oder urbane Landschaften entdeckt. Geht ihr gerne spazieren?

Ja, das ist so. Wir sind eben Flaneure in der Stadt aber auch in der Natur. Heraus aus den anonymen Menschenmassen, der Enge, der Hektik, der manchmal allzu schrillen und aufdringlichen Ablenkung durch Medien, Werbung, ständigen News, Handyklingeln etc. Das Zurückgeworfensein auf sich selbst, das ist manchmal sehr inspirierend. In der Natur erfahren wir auch andere Gerüche, Geräusche, Farben und Formen, andere Lebewesen und Lichtverhältnisse, einen anderen Boden, teils samtigweich voller Moos, auf dem man sich bewegt. Wir entdecken dabei auch Orte, die teils so schön und in sich so voller Harmonie sind, dass wir nicht eingreifen oder sie bespielen, sondern einfach nur genießen und danach weitergehen.

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aus der “freaks of nature”

Kommen wir zu eurer aktuellen Ausstellung. Was erwartet uns in der kommenden Ausstellung von euch in Hamburg?

Eine Werkschau unserer momentanen Arbeiten – Ergebnisse einer Grenzüberschreitung. Wir akzeptieren in der kreativen Arbeit keine Grenzen und hatten beispielsweise recht früh in Europa mit reinem (freakigen) Character-Graffiti gestartet, wofür wir anfangs mitunter belächelt oder angepöbelt wurden (O-Ton“ Ey, das sieht ja wohl voll komisch aus – wo sind denn da die Buchstaben?! Da schaue ich schon seit einer halben Stunde das Piece an und erkenne keine“). Darauf haben wir uns aber nicht eingelassen oder vom Weg abbringen lassen und letztlich mit vielen der zuerst kritischen Menschen auch tolle Gemeinschaftsarbeiten gesprüht. Unsere Devise war und ist: Dranbleiben, Ausprobieren, Weiterentwickeln, offen bleiben für Einflüsse, aus Rückschlägen lernen, positiv bleiben…und dann ist es auf einmal April 2014 und wir sind an einem bestimmten Punkt angelangt: diesmal zeigen wir Arbeiten des „The Tree Project outside“, einer fortwährenden Serie und zentrales Projekt unserer kreativen Arbeit. Wir präsentieren ausgewählte Fotografien dieses Projekts als hochwertige, limitierte Finart Drucke auf Hahnemühle-Papier. Spannend dabei war für uns auch die intensive und inspirierende Zusammenarbeit mit dem Fotografen und Digitalbildtechniker Fabian Schmid.

Außerdem zeigen wir Auszüge aus unserer neuen Skulpturen-Serie „The Tree Project inside“. In den vergangenen Herbst- und Wintermonaten haben wir uns wie Einsiedler in unser Studio zurückgezogen und an einer Fortführung des outside-Projekts in anderer Dimension gearbeitet. Eine weiße Leinwand als Ausgangspunkt ist derzeit für uns uninspirierend. Einzelstücke im Wald zu entdecken, zu betrachten, und etwas darin sehen, das wir dann herausarbeiten können, das ist spannend! Die Baumscheiben der Skulpturen sind die Reste eines Lieblingsbaumes aus dem Garten meiner Kindheit, der gefällt wurde.

Und letztlich wird etwas Zusätzliches zu sehen sein, was jedoch spontan und kurz-vor-schluss in situ entsteht, ob innen oder außen, mal sehen. Kommt einfach vorbei!

Die neue Skulpturenserie ist eine konsequente Weiterführung eures langjährigen „The Tree Project“ outside. Dabei bringt ihr das Projekt nun in skulpturaler Form in den Innenraum. Was hat euch zu dieser Entscheidung geführt?

Das Tree Project outside ist in erster Linie eine ephemere Form unseres kreativen Schaffens. Wobei das Sich-Abwenden vom Urban Art Gedanken der maximalen Sichtbarkeit für uns einen ganz besonderen Charme hat. Die Tree Project outside-Arbeiten verblassen bzw. verschwinden eben nach einiger Zeit, auch dank den ökologisch abbaubaren Farben, die wir nutzen. Die Szenerien auf den Fotografien sind daher zumeist nicht mehr existent, auch wenn die Werke teils entdeckt und manchmal etwas dazukreiert wurde, wie bunte Bänder, die im Wind flattern. Das gefällt uns.

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Ausschnitt der Skulptur “Persepolis”, 2014

Uns persönlich hat vor allem der Wunsch nach Erweiterung des Repertoires, das Spiel mit neuen Ideen, das permanente Schauen, ob eine Idee funktioniert dahin gebracht und nicht zuletzt die Ästhetik der gefundenen Holzobjekte selbst, die als Inspirationsquelle dienen. Zudem wurden und werden wir von vielen Seiten angesprochen, ob man das Tree Project auch mal „in Wirklichkeit“ sehen könne, vielleicht in eine Galerie oder Museum bringen kann. Ausgehend von diesen inneren und äußeren Anregungen hat uns insbesondere auch der intensive Austausch mit Pariser Künstlerfreunden wie Lin Quik Felton oder Alexöne Dizac darin bestärkt, diese Studioarbeiten weiter voranzutreiben.

Aber wir denken, für den Innenraum, eine Galerie beispielsweise, muss eine andere Herangehensweise, eine anderer Rhythmus (wenn auch die „Tonart“ die gleiche bleibt) erarbeitet werden. Eben das Tree Project inside.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Ausstellung »Zonenkinder Collective«

Das Bürro
Ölmühle 33 | 20357 Hamburg
Vernissage: 4. April 2014 von 18 – 22 Uhr
Ausstellung: 5. – 26. April 2014 
Öffnungszeiten und Besichtigung je nach Vereinbarung

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Öffnung der Ausstellung während der Langen Nacht der Museen
am Samstag, 12. April 2014
16:00 -21:30h

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Facebook Event

Die Ausstellung ist Teil der Ausstellungsreihe von “Das Bürro“, ein Open Space im Hamburger Karoviertel. Von April bis Oktober wird es in den Räumen in der Ölmühle 33, Hamburg jeden Monat eine Ausstellung geben. Die Vernissage findet jeweils am ersten Freitag des Monats statt.

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all images © Zonenkinder

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