Die Olympischen Spiele 2024 in Hamburg machen wirklich (k)einen Sinn

29. September 2015
14 mins read
Die geplante Bewerbung der Olympischen Spiele 2024 in Hamburg spaltet die Stadt. Was aber sind die genauen Vor- und Nachteile eines Megaevents wie Olympia?
Wir haben Dr. Nikolas Hill, Geschäftsführer der Hamburger Olympia-Bewerbungsgesellschaft, sowie die Initiative NOlympia Hamburg – Etwas besseres als Olympia! zum Interview-Duell gebeten. Beide Seiten haben auf die selben Fragen geantwortet und erklären, warum Hamburg definitiv keine Olympiade braucht.
Braucht Hamburg Olympische Spiele?

Hill (Geschäftsführer der Hamburger Olympia-Bewerbungsgesellschaft): Ein klares Ja! Ein Beispiel: Hamburg ist längst nicht so international wie mancher glaubt. Im Vergleich zu Berlin, München oder auch Frankfurt kommen immer noch überdurchschnittlich viele Gäste aus dem Inland. Eine weltweite Aufmerksamkeit wird uns daher gut tun. Das sichert und schafft Jobs in der Tourismuswirtschaft, einer Branche, in der insbesondere Menschen mit geringerer Qualifizierung echte Chancen auf nicht globalisierbare Arbeitsplätze haben. Außerdem wird die hiesige Kulturszene vielfältige Impulse – auf nationaler wie internationaler Ebene – geben und empfangen können, und zwar schon weit im Vorfeld der Spiele.

Aber Olympia braucht auch Kandidaten wie Hamburg. Mit unserem Konzept kompakter, transparenter und bescheidener Spiele bleibt der Olympische Gedanke auch in westlichen Demokratien mehrheitsfähig und attraktiv.

NOlympia: Nein – nichts braucht Hamburg weniger als das. Die Stadt braucht bezahlbaren Wohnraum, gut geförderten Breitensport, soziale Einrichtungen, gut ausgestattete Schulen und Universitäten und vieles, vieles mehr. Bei all diesen Dingen hat sich die Situation in den letzten Jahren verschlechtert. Milliarden teure Veranstaltungen, die ausschließlich nach den Interessen und Vorgaben von Großkonzernen gestrickt sind, helfen da nichts – im Gegenteil. Und Großevents, die Touristen anlocken sollen gibt es schon genug. Olympische Spiele sind nichts, wovon die Bewohner*innen der Austragungsstadt etwas haben.

Was erwartet Hamburg, sollten die Olympischen Spiele 2024 in Hamburg stattfinden?

Hill: Wir werden stellvertretend für das ganze Land Gastgeber sein und damit – quasi als Schaufenster – das Bild Deutschlands in der Welt prägen. Mehr als 3 Milliarden Menschen werden die Spiele im Fernsehen – oder welches Gerät auch immer im Jahr 2024 dafür die technische Plattform sein wird – verfolgen. Wir können zeigen, dass Deutschland mehr ist als Lederhosen und Brandenburger Tor. Wir können der Welt das Bild eines modernen, toleranten, vielfältigen und sympathischen Landes zeigen.

Wieder ein konkretes Beispiel: Die OlympiaCity auf dem Kleinen Grasbrook, also das zentrale Gelände der Olympischen und Paralympischen Spiele, wird als erster Stadtteil Deutschlands vollständig inklusiv geplant und realisiert werden. Ein völlig neuer Ansatz humanen städtischen Zusammenlebens.

NOlympia: Unterm Strich: Nichts Gutes. Olympische Spiele haben nur vordergründig etwas mit Sport zu tun. Es ist nicht umsonst die Handelskammer, die die Hamburger Bewerbung vorangetrieben hat. Tatsächlich geht es vor allem auch um die Kontrolle über die Stadtentwicklung. Eine auf Jahrzehnte festgelegte einseitige Politik zugunsten der großen Player der Immobilienwirtschaft, Verlust und Verschlechterung von Arbeitsplätzen, Einbußen für kleinere und mittlere Gewerbetreibende, Privatisierung von öffentlichem Raum, steigende Mieten, ein total-überwachter öffentlicher Raum – das sind nur einige der eigentlichen Effekte dieses Spektakels. Das liegt nicht in einer fernen Zukunft, sondern beginnt bereits mit dem Bewerbungsprozess. Unnötige Ausgaben, Behörden, die aufgrund der Fixierung auf Olympia anderen Aufgaben nicht mehr nachkommen können, Verträge, aus denen die Stadt nicht mehr herauskommt – all das gibt es bereits jetzt.

Die Sportwettkämpfe werden dabei für die allermeisten nur im (Bezahl-) Fernsehen stattfinden. Dass der übersteigerte Leistungsdruck bei einer solchen Veranstaltung auch für viele Sportler*innen schwerwiegende negative Konsequenzen hat ist vielfach kritisiert worden und sei hier nur am Rande erwähnt.

Die Erwartungshaltungen, die durch eine rein auf Emotionen und geschönte Bilder setzende Werbekampagne geweckt werden sollen, werden sich nicht erfüllen. Schon in anderen Austragungsstädten war die Zustimmung der Bevölkerung nach den Spielen einer deutlichen Ernüchterung gewichen.

Worin liegen die größten Vorteile, die sich durch die Austragung der Olympischen Spiele an der Elbe ergeben?

Hill: Wir werden in allen Hamburger Bezirken Sport- und Trainingsstätten erneuern. Diese Modernisierung wird dem Spitzen-, aber vor allem auch dem Breitensport in Hamburg langfristig zugutekommen. Die Hamburgerinnen und Hamburger können sich auf bessere Bedingungen für Schulen und Sportvereine freuen.

6.000 neue Wohnungen, ein Drittel davon sozial geförderte Mietwohnungen, in der OlympiaCity entlasten den Hamburger Wohnungsmarkt und halten die Mieten stabil.

Außerdem: Neben der OlympiaCity wird der gesamte ÖPNV der Stadt endlich barrierefrei. Für Menschen mit Behinderungen, Ältere, aber auch Familien mit Kindern wird der Alltag deutlich leichter.

Und: Hamburg gelingt nach vielen Jahrzehnten der Diskussion endlich der Sprung über die Elbe. Wilhelmsburg, Harburg und der Hamburger Osten werden näher an das Herz der Stadt geführt.

NOlympia: Es gibt keine Vorteile, die sich nicht anders und günstiger erreichen ließen.

Der Senat behauptet, dass neue Wohnungen entstehen, die Stadt für die Paralympics behindertengerecht ausgebaut würde und auf einmal ganz viel Geld da sei für die Instandsetzung und Modernisierung vieler maroder Sportstätten. Außerdem würde Hamburg in der Welt bekannter werden. Doch das ist Augenwischerei. Alles, was als nützlicher Effekt genannt wird, lässt sich ohne Olympia besser, demokratischer und kostengünstiger realisieren. Und ein gestiegener Bekanntheitsgrad nützt vielleicht dem Ego des Bürgermeisters und einiger Politiker*innen, vielleicht sogar auch noch einigen international agierenden Großkopferten der Handelskammer – die Mehrheit der Einwohner*innen hat nichts davon.

Worin liegen die größten Nachteile und Einschränkungen, die sich durch die Austragung der Olympischen Spiele an der Elbe ergeben?

Hill: Zweifellos: Die Vorbereitung und Austragung der Olympischen und Paralympischen Spiele ist eine Herausforderung. Und sicherlich wird die ein oder andere Baumaßnahme auch mal zeitweise zu Einschränkungen führen.

Aber nur weil ein starker Fokus auf Olympia liegt, bedeutet das nicht, dass automatisch andere Bereiche ins Hintertreffen geraten. Im Gegenteil: Der Senat hat sich verpflichtet, für die Finanzierung der Spiele keine Privatisierungen durchzuführen, die Schuldenbremse nicht anzutasten und Ausgaben für Soziales, Bildung und Kultur nicht zu kürzen. Unser Anspruch ist, dass die Spiele der Stadt ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltig sind. Denn klar ist auch: Die Spiele werden nur dann ein Erfolg, wenn sie von den Bürgerinnen und Bürgern gewollt sind und gemeinsam mit ihnen realisiert werden. 

NOlympia: Videoüberwachung, Mietsteigerungen, Privatisierung öffentlicher Räume, Benachteiligung ohnehin schon abgehängter Stadtteile, eine auf Jahrzehnte auf die Bedienung der Interessen von Großkonzernen festgelegte Stadtentwicklungspolitik sind nur einige der Nebenwirkungen des Megaevents. Es werden Milliardensummen für Stadien ausgegeben, die nach wenigen Wochen wieder teuer zurückgebaut werden. Das Geld fällt nicht vom Himmel. Es muss an anderen Stellen eingespart werden. Sozialkürzungen, Preiserhöhungen bei den Schwimmbädern oder beim HVV sind Beispiele dafür, wie die Politik des Rotstifts durch die Hamburger Olympia-Bewerbung ganz neue Dimensionen erfährt.
Überall wo Olympische Spiele stattfanden kam es zu Mietsteigerungen und einkommensschwache Bevölkerung wurde verdrängt. In Barcelona sind die Mieten zwischen 1987 und 1993 um 145% gestiegen, in den Stadtteilen Londons sind die Immobilienpreise in der Nähe des Olympia-Geländes sogar um bis zu 62% gestiegen.

Ausgehend von den Vor- und Nachteilen für Hamburg: Was sind die Alternativen zu den Olympischen Spielen?

Hill: Wenn man sich die Frage stellt, welches andere Weltereignis an die Olympischen und Paralympischen Spiele tatsächlich heranreicht, dann lautet die Antwort: Keines. Die Olympischen Spiele sind einzigartig; sie haben eine enorme Tradition und sind zugleich die modernste Veranstaltung, die man sich in einer globalisierten Welt vorstellen kann. Sportlerinnen und Sportler aus über 200 Ländern der Erde, rund 25.000 Medienvertreter und Milliarden Zuschauerinnen und Zuschauer in allen Ecken der Welt.

Nur die Olympischen und Paralympischen Spiele haben die Kraft, die für die oben genannten Vorteile erforderlichen Ressourcen freizusetzen. Ohne sie kommt es, wenn überhaupt, erst Jahrzehnte später dazu.

NOlympia: Die Argumentation der Bewerbungsbefürworter*innen setzt fast ausschließlich auf Emotionen und geschönte Bilder.

Damit wird darüber hinweggetäuscht, dass Olympische Spiele für die Mehrheit der Bevölkerung mit gravierenden Nachteilen verbunden wären. Die Alternative zu Olympia ist eine Stärkung von Demokratie und echter Mitbestimmung auch auf Stadtteilebene. Statt einer Hafencity 2.0 auf dem Kleinen Grasbrook wäre die Förderung lebendiger Viertel wichtig, mit einer eigenen dynamischen Entwicklungsperspektive. Und das überall in der Stadt, nicht nur dort, wo die Tourismusbranche oder die olympischen Kameras hinsehen.

Eine Entwicklung von bisher als Hafenflächen genutzten Stadtgebieten ist dabei ja durchaus diskussionsfähig. Dies muss allerdings behutsam und demokratisch geschehen und nicht in Form eines Hauruck-Verfahrens, das sich jeder Kontrolle durch die Bürger*innen entzieht.

Mit welchen Kosten müssen die Stadt Hamburg und die Steuerzahler für die Bewerbung und Austragung der Olympischen Spiele rechnen?

Hill: Die Bewerbungskosten haben wir bereits transparent benannt: 15 Mio. € zahlen die Hamburger, 10 Mio. € der Bund und 25 Mio. € kommen aus der deutschen Wirtschaft.

Den genauen Finanzaufwand für die Austragung der Spiele werden wir in Kürze präsentieren. Aber erst dann, wenn alle Berechnungen abgeschlossen sind und wir eine valide Zahl haben. Gründlichkeit geht hier vor Schnelligkeit, wir wollen keine zweite Elbphilharmonie.

NOlympia: Es ist nicht unsere Aufgabe, Kostenpläne zu erstellen. Sicher ist, dass die Kosten der Elbphilharmonie ein Nasenwässerchen sind im Vergleich zu denen Olympischer Spiele. Diese werden so teuer sein, dass sie die öffentlichen Haushalte auf Jahrzehnte belasten. Die Spielräume der Politik werden dadurch erheblich eingeschränkt. Daran wird auch die „Agenda 2020“ oder die behauptete Bescheidenheit eines Hamburger Konzepts nichts ändern. Denn Zeitdruck und spezifische Ansprüche an ein solches Ereignis lassen wenig Spielraum. Stadien müssen zu einem bestimmten Zeitraum fertiggestellt sein, die Infrastruktur muss bei Eröffnung der Spiele funktionieren und auch die enormen Sicherheitsmaßnahmen müssen bis dahin funktionieren. Das alles ausgerichtet an den Erfordernissen eines sechswöchigen Ereignisses – koste es, was es wolle. Nachhaltiges und kostenbewusstes Planen und Bauen sind unter diesen Bedingungen überhaupt nicht möglich. Die Spiele in London haben 2012 ungefähr 12 Milliarden Euro gekostet – manche Quellen nennen sogar 28 Milliarden einschließlich versteckter Kosten. 12 Jahre später wird es bestimmt nicht günstiger werden. Olympische Sommerspiele waren im Durchschnitt am Ende mehr als doppelt so teuer, wie anfangs geschätzt. Sie gehören damit zu den finanziell riskantesten Mega-Events.

Dabei liegt das Risiko – vertraglich festgelegt – ausschließlich bei der Stadt. Andere Akteure lassen sich Gewinne garantieren – wie das IOC – oder beteiligen sich nur da, wo es sich für sie lohnt. Zusagen zu der immer wieder behaupteten Kostenübernahme durch die Wirtschaft oder den Bund sind äußerst vage und bereits für die Bewerbungskosten relativiert worden.

Internationale Sport-Großereignisse und deren Organisationen wie der IOC stehen im öffentlichen Generalverdacht. Kann ausgeschlossen werden, dass Schmiergelder bei der Bewerbung im Spiel sind?

Hill: Wir werden uns regelkonform verhalten und Hamburgs Ruf nicht aufs Spiel setzen. Das haben wir ausdrücklich in einem Ethik-Code festgelegt.

NOlympia: Wenn ihr uns fragt: Nein! Wir sind aber weder das FBI noch die Steuerbehörde. Bei vergleichbaren Organisationen wie der FIFA sind in der Vergangenheit und erst jüngst strafrechtlich relevante Korruptionsfälle nachgewiesen worden.

Klar ist, dass bei Milliardengeschäften wie Olympischen Spielen, an denen Akteure aus der ganzen Welt und nicht zuletzt aus undemokratischen und für Korruption bekannten Staaten beteiligt sind, dubiose Deals im Spiel sind. Das muss nicht unbedingt ein unterm Tisch überreichter Geldkoffer, sondern kann auch ein überraschend genehmigtes Waffengeschäft mit Staaten in Krisengebieten sein.

Leiden andere Haushaltspositionen unter der Finanzierung der Olympischen Spiele?

Hill: Nein.

NOlympia: Durch die Schuldenbremse dürfen keine neuen Schulden aufgenommen werden. Der Senat hat erklärt, trotz der Olympia-Bewerbung an seinen Plänen zur Personaleinsparung im öffentlichen Dienst festzuhalten. Demgegenüber erfordert bereits die Bewerbung einen enormen planerischen, organisatorischen und bürokratischen Aufwand. Das lässt sich nur durch Umverteilung in Haushalt und in der Verwaltung bewältigen. Bereits jetzt sind allein im Sportamt 16 Mitarbeiter*innen vorwiegend mit Olympia befasst. In anderen Ämtern dürfte ebenfalls einiges Personal direkt oder indirekt damit beschäftigt sein. Das geht natürlich zu Lasten anderer Aufgaben. Die Wartezeiten für Bürger*innen bei Behörden sind heute schon oft inakzeptabel lang. Das wird sich weiter verschärfen.
Das gleiche gilt für notwendige öffentliche Ausgaben, sei es für Straßeninstandsetzung oder die Herstellung von Barrierefreiheit im öffentlichen Raum. In Zukunft wird es das nur noch da geben, wo es für Olympia relevant ist. Ein Beispiel ist der inklusive Unterricht an Schulen. Dem mangelt es ohnehin schon an ausreichend Fachkräften. Diese Situation wird sich sicher noch verschärfen, wenn Planstellen für die Olympia-Bewerbung verwendet werden.

Die Sicherheit ist eines der zentralen Kriterien des Internationalen Olympischen Komitees bei der Wahl des Austragungsortes der Olympischen Spiele. Was bedeutet das Umsetzen der geforderten Maßnahmen für Hamburg und die Bürger?

Hill: Wir alle wollen sichere Spiele. Und wir wollen Spiele, die begeistern und bewegen. Dass beides zusammen funktioniert, hat die Austragung der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland bewiesen. Die WM 2006 war ein Sommermärchen. Das wollen wir fortschreiben.

NOlympia: Auch in diesem Punkt wird von offizieller Seite eine offensichtliche Desinformationspolitik betrieben. Aufgrund ihrer internationalen Bedeutung und ihrer Größe sind Olympische Spiele sicherheitspolitisch hoch sensibel. London wurde 2012 stellenweise zur Festung ausgebaut, mit Flugabwehrraketen auf Wohnhäusern, einer flächendeckenden Videoüberwachung und einem gewaltigen Militäreinsatz im Inneren. Zu behaupten, dass könnte in Hamburg anders werden ist ein schlechter Witz. Tatsächlich wird die mögliche Gefährdung allein schon durch die technische Entwicklung – zum Beispiel bei Drohnen – nicht geringer. Auch in Hamburg wird es Hochsicherheitszonen um jede Sportstätte geben, mit stacheldrahtbewehrten Elektrozäunen, Videoüberwachung im gesamten Innenstadtbereich, Luftraumüberwachung und -sicherung, massiver Präsenz von Polizei und privaten Sicherheitsdiensten – und vermutlich auch der Bundeswehr. Die derzeit mangelhaft ausgestattete Hamburger Wasserschutzpolizei wird eine derart komplexe Aufgabe jedenfalls nicht alleine bewältigen können.

Olympische Spiele sind mit umfangreichen Stadtentwicklungsprojekten verbunden. Welche Stadtgebiete betrifft die Austragung neben dem Hafengebiet um den Kleinen Grasbrook noch?

Hill: Das Herz der Olympischen Spiele ist die OlympiaCity mit den drei Hauptsportstätten Olympiastadion, Olympiahalle und Olympiaschwimmhalle. Ferner gehören dazu das Olympische und Paralympische Dorf sowie das Medienzentrum auf dem Kleinen Grasbrook. Insgesamt umfasst das Konzept 36 Wettkampfstätten, von denen mehr als zwei Drittel schon heute bestehen. Wir werden das Tennisstadion am Rotherbaum einbeziehen, den Derby-Park Klein Flottbek, den Rathausmarkt und die Binnenalster. In Kiel wollen wir den Segelwettbewerb austragen. In allen sieben Hamburger Bezirken werden Trainingsstätten für die Athletinnen und Athleten sein.

NOlympia: Direkt oder indirekt wird die ganze Stadt betroffen sein – bereits lange vor den Spielen. Stadtteile, in denen sich Austragungs- oder Trainingsstätten befinden oder die Standorte von Hotels werden einen einseitig auf die Olympischen Spiele ausgerichteten Aus- und Umbau der Infrastruktur erleben – einschließlich von Absurditäten wie den „Olympic Lanes“, ausschließlich dem olympischen Personal vorbehaltenen Fahrspuren. Sicherheitsmaßnahmen werden manche Stadtteile, die unmittelbar an Austragungsstätten grenzen, zu total überwachten und kontrollierten Räumen machen. Andere Stadtteile, die aus Olympia-Perspektive abseits liegen, müssen sich darauf gefasst machen, auf lange Zeit vernachlässigt zu werden.

Besonders betroffen sind natürlich die unmittelbar an den Kleinen Grasbrook angrenzenden Stadtteile Veddel und Wilhelmsburg. Letzteres sieht sich bereits seit Jahren Begehrlichkeiten im Rahmen des sogenannten „Sprungs über die Elbe“ ausgesetzt, einem Programm, das unter den gegebenen Bedingungen vorwiegend der ökonomischen Inwertsetzung bislang aus Investorensicht unzureichend erschlossener Stadtteile dient. Das hat bereits in der Vergangenheit zu Mietsteigerungen, Gentrifizierung und sozialen Verwerfungen geführt. Olympia wird diesen Prozess in bisher unbekanntem Maße verschärfen – zu lasten eines Großteils der Bevölkerung. Das trifft auch auf die Veddel zu, die sich neben Hochsicherheitszonen in unmittelbarer Nachbarschaft ebenfalls auf drastische Umstrukturierungen, Mietsteigerungen und die Begehrlichkeiten der Großen der Immobilienwirtschaft gefasst machen kann.

In Hamburg gibt es zu wenige Wohnungen. Es wird aktuell zwar viel gebaut, aber noch zeichnet sich keine wirkliche Entspannung auf dem Wohnungsmarkt ab. Wie werden sich die Olympischen Spiele auf den Wohnungsmarkt auswirken?

Hill: Die Spiele werden einen spürbaren Beitrag leisten, damit weiterer bezahlbarer Wohnraum entsteht: Auf dem Kleinen Grasbrook werden rund 6.000 neue Wohnungen gebaut, etwa 2.000 davon als sozial geförderter Mietwohnungsbau. Dies wird zu einer erheblichen Entlastung des gesamten Wohnungsmarktes der Stadt führen.

NOlympia: Olympische Spiele treiben die Mieten in die Höhe (siehe dazu auch Frage 4). Der Senat argumentiert, dass auf dem Kleinen Grasbrook als „Erbe“ der Olympischen Spiele 3.000 Wohnungen neu entstehen würden. Diese würden nach dem „Drittel-Mix“ gebaut: 1/3 Eigentumswohnungen, 1/3 frei finanzierte Mietwohnungen und 1/3 Wohnungen mit Sozialbindung. Durch dieses Bauprojekt würde der Druck vom angespannten Hamburger Wohnungsmarkt genommen. Genau das Gegenteil ist der Fall. Es werden ohnehin 6.000 Wohnungen pro Jahr nach dem Drittelmix neu gebaut. Wie Oberbaudirektor Jörn Walter bei einer Veranstaltung in Wilhelmsburg zugab, hängt der Bau von Wohnungen nicht davon ab, ob Olympische Spiele in Hamburg stattfinden. Die Sozialwohnungen fallen nach 15 Jahren wieder aus ihrer Bindung und können zu Marktpreisen vermietet werden. Auf dem Kleinen Grasbrook entsteht eine zweite Hafencity. Denn die Stadtpolitik zielt darauf ab, hochwertigen Wohnraum für die Bevölkerungsgruppen zu schaffen, die in die Stadt gelockt werden sollen: Die „die hochqualifizierten Techniker, Manager und Verwaltungsfachleute sowie Informationsmittler“ wie sie von einer Machbarkeitsstudie über eine Hamburger Olympia-Bewerbung aus den 1980er Jahren beschrieben werden. Wie in allen anderen Austragungsorten Olympischer Spiele erhöht die Bewerbung den Druck auf den Immobilienmarkt einer Stadt. Städtische Immobilienmärkte sind seit einigen Jahren zunehmend zum Investitionsobjekt international agierender Unternehmen geworden. In Städten, die als Boomtowns gelten, entkoppeln sich die Immobilienpreise von ihrem nationalen oder regionalen Kontext und heben komplett ab. Ein erhöhter Bekanntheitsgrad einer Stadt und die Erwartung, vom Investitionsboom des Mega-Events Olympische Spiele profitieren zu können, locken Immobilieninvestoren an und treiben die Mieten für die gesamte Hamburger Bevölkerung weiter in die Höhe.

Am 29. November 2015 sollen die Hamburger beim Olympia-Referendum über die Olympia-Bewerbung 2024 abstimmen. Wie verbindlich ist der Entscheid?

Hill: Absolut verbindlich. Wenn sich die Hamburger Bevölkerung mehrheitlich gegen die Bewerbung ausspricht, werden wir diese zurückziehen.

NOlympia: Für das Referendum hat der Senat extra die Verfassung ändern lassen und bei der Gelegenheit die bestehenden Möglichkeiten der direkten Demokratie in Hamburg deutlich verschlechtert. Daraus folgt, dass eine weitere Abstimmung zum Thema Olympia nicht mehr möglich sein wird. Das gilt auch dann, wenn sich die zum Zeitpunkt des Referendums genanten Bedingungen deutlich verändern – was zu erwarten steht. Mit anderen Worten: Für die wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürger Hamburgs ist ihre einmal abgegebene Stimme endgültig und verbindlich. Senat und Bürgerschaft haben hingegen noch die Möglichkeit, sich anders zu entscheiden. Wir raten dringend dazu, dem Senat einen solchen Blankoscheck nicht zu erteilen!

Bilden die Stimmberechtigten Bürger einen repräsentativen Querschnitt der Hamburger Bevölkerung ab?

Hill: Alle Menschen, die unsere Bürgerschaft wählen dürfen, können auch am Referendum teilnehmen. Darunter sind auch Jugendliche ab 16 Jahren.

Allerdings werden nicht alle die Olympischen Spiele sofort unterstützen. Daraus erwächst für uns ein wichtiger Auftrag: Wir werden uns auch dann mit den Argumenten der Kritiker weiter auseinandersetzen, wenn wir eine Mehrheit für das Projekt haben. Unser Anspruch ist, dass auch die Skeptiker im Jahr 2024 – wenn vielleicht auch nur leise, heimlich und zu sich selbst – sagen: Es hat sich doch gelohnt!

NOlympia: Beim Referendum sind ausschließlich in Hamburg gemeldete deutsche Staatsbürger*innen über 16 Jahren stimmberechtigt. Das entspricht der Stimmberechtigung für die Wahl zur Hamburger Bürgerschaft. Im Februar 2015 waren das laut Statistikamt 1.301.000 Menschen.

Menschen, die hier teilweise seit Jahrzehnten leben, aber nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen sind von der Wahl wie vom Referendum ausgeschlossen. Das wird seit langem kritisiert. Im Falle des Olympia-Referendums spielt eine zusätzliche Rolle, dass gerade in den am stärksten betroffenen Stadtteilen wie der Veddel oder Wilhelmsburg besonders viele Menschen vom Wahlrecht ausgeschlossen sind.

Die letzte Frage. Wie sieht Ihre/Eure persönliche Prognose des Referendums aus? Werden sich die Hamburger Ende November für oder gegen Olympia entscheiden?

Hill: Gegenfrage: Ist der Papst katholisch?

NOlympia: Spökenkiekerei ist nicht unsere Sache. Es gibt kaum verlässliche Daten über die Stimmungslage unter den Hamburger*innen. Viele veröffentlichte Umfragen sind fragwürdig bis unseriös. Das von prolympischer Seite gerne verbreitete Bild einer überwiegenden Olympia-Begeisterung ist reines Marketing und dient auch dazu, sozialen Druck aufzubauen, und Kritiker*innen zu delegitimieren. Eine auf Tatsachen und Erfahrungen anderer Städte basierende Diskussion soll so vermieden werden. Bezüglich des Referendums in Hamburg und Kiel lassen wir uns gerne überraschen. Bei der Abstimmung in Oslo kam nur eine ganz knappe Mehrheit für Olympia zustande – die Kommune zog die Bewerbung kurze Zeit später zurück. Bei den Abstimmungen in München/Garmisch-Partenkirchen oder in Graubünden hat sich die Bevölkerung gleich gegen eine Olympia-Bewerbung ausgesprochen.

In vielen Städten sind Olympische Spiele durch Referenden abgewehrt worden: So z.B. in München, Graubünden oder Krakau. Fest steht: sollte es zu einem Entscheid zugunsten von Olympia in Hamburg kommen, droht denen, die mit Ja stimmen, ein böses Erwachen. Wir werden tun was wir können, um den Hamburger*innen das zu ersparen.

Vielen Dank an beiden Seiten für das Interview.

Dr. Nikolas Hill ist Geschäftsführer der Hamburger Olympia-Bewerbungsgesellschaft. Die Initiative NOlympia hat ihren Sitz im Centro Sociale.

Weitere Informationen beider Interviewduell-Partner

Website von Nolympia Hamburg
Offizielle Website der Stadt Hamburg zu Olympia 2024

Olympia ist eine absolute Schnaps-Idee oder kann doch auch gutes für Hamburg bringen? Diskutiert unter dem Beitrag über Sinn und Zweck von Megaevents an der Elbe.

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