„Streetart zwischen Illegalität und Galerie“ – Interview mit Rudolf D. Klöckner

28. Mai 2014
5 mins read

Rudolf, ist für dich das illegale Tun noch immer ein Wesensmerkmal von Streetart bzw. Graffiti?

Das gilt für mich nach wie vor. Die unautorisierte Aneignung von Stadt und öffentlichem Raums sehe ich als einen zentralen, ja unabdingbaren Faktor von Streetart. Diese politische Dimension prägt das Genre Streetart viel mehr als der künstlerische Ausdruck, über den Streetart in der Regel definiert wird. Ein Beispiel: Wenn die Werbung die Techniken und die Ästhetik der Streetartisten adaptiert, dann ist das noch lange keine Streetart!

Wenn das Illegale ein Kennzeichen von Streetart ist wie bei OZ, gibt es auf der anderen Seite viele StreetartistInnen, die sozusagen aus der Illegalität heraus den Sprung in die Galerien geschafft haben. Die machen dann doch immer noch Streetart, oder?

Ja, das ist richtig. Streetart zu machen heißt nicht, dass man als Künstler nicht auch in einer Galerie ausstellen, und auch nicht, dass man als Streetartist kein Geld verdienen darf. Das ist ein Trugschluss. Natürlich kann ein Streetartist mit seiner Arbeit den räumlichen Wechsel von der Straße in die Galerie vollziehen, ohne dass er den Bezug zur Straße und dem öffentlichen Raum verliert. Es kann sogar das Gegenteil der Fall sein: Straße und Galerie lassen sich hervorragend kombinieren und können sich gut ergänzen. Wichtig ist dabei jedoch, dass der Künstler den Bezug zum öffentlichen Raum nicht gänzlich aufgibt und weiterhin mit und in ihm und der Stadt als hauptsächlichem Medium arbeitet. Wenn er das nicht mehr tut, dann macht er keine Streetart mehr, würde ich sagen.

Jeder Künstler – und jeder andere kreativ Schaffende – kommt irgendwann an den Punkt, wo er entscheiden muss, ob er mit dem, was er macht, »professionell« sein Geld verdienen will oder aber eben auch muss. Dabei führt der Weg klassischerweise über die Galerie.

Bei OZ ist das allerdings noch mal anders: Bei OZ geht es beim Ausstellen in der Galerie nicht um Geldverdienen als Brotverdienst und auch nicht um das Ausstellen in einer Galerie als Präsentationsform seiner Kunst. OZ in der Galerie auszustellen ist eigentlich Quatsch, denn er stellt ja ohnehin Tag und Nacht in der Stadt aus. Beim Ausstellen von OZ-Werken in der Galerie geht es meiner Meinung nach vor allem um den Versuch, OZ auf die Bühne des Kunstbetriebs zu heben. Einerseits wird so versucht, den Prozess zugunsten von OZ und in Richtung der Argumentation der allgemeinen Kunstfreiheit zu beeinflussen, und auf der anderen Seite darum, durch das Verkaufen von OZ-Bildern Geld zu verdienen, um die immensen Prozesskosten zu decken.

OZ steht jetzt zum wiederholten Male vor Gericht, obwohl das Landgericht ihm zugebilligt hat, dass bestimmte Motive von ihm durchaus Kunst sein könnten. Aber er steht immer allein vor Gericht, auch wenn es eine Solidaritätsgruppe gibt, doch insgesamt scheint er gefühlt allein zu sein. Die etablierte Kunst-Szene scheint sich bis jetzt so gut wie nicht um ihn zu kümmern. Warum lässt man OZ allein?

Das ist eine Frage, die ich bis heute noch nicht so richtig durchdrungen und verstanden haben. Scheinbar wagen die meisten namhaften Künstler und Kunstkritiker nicht, eindeutig Stellung zu beziehen. Oder aber sie interessieren sich einfach zu wenig für die Geschichte von OZ. Sicherlich liegt es auch daran, dass OZ nach wie vor für die Kunstwelt recht unbedeutend und scheinbar auch uninteressant ist. Sein Schaffen wird nicht wirklich als Kunst diskutiert. Und ja, natürlich lässt sich über Kunst streiten, und vielleicht gerade über die Werke von OZ. Vielleicht versucht der eine oder andere Künstler auch eine Stellungnahme zu vermeiden, um die eigene Disziplin zu schützen. Ich weiß es nicht. Dabei sollte man vielleicht darüber nachdenken, ob nicht das Künstlerische an seiner Arbeit genau das stadtpolitische Statement ist, das OZ durch die Konsequenz seiner Einforderung von Gestaltungsmitsprache und Ausdrucksfreiheit in der Stadt tagtäglich durch seine Arbeit formuliert.

Man könnte ja auch der Meinung sein, als These, dass OZ und die Soko Graffiti beide miteinander ein Spiel treiben: Der eine braucht den Kick und die anderen eben auch. Es ist ja so, dass er beschattet, observiert und verfolgt wird. Was würde passieren, wenn die Verfolgungsbehörden dieses Spiel von sich aus einstellen würden? Hältst du so etwas überhaupt für möglich?

(Lacht.) Dass die Polizei ihre »Arbeit«, OZ an seinem Tun zu hindern, auf einmal einstellt, halte ich derzeit für nahezu unmöglich. Dazu müsste sich schon etwas Grundlegendes in der Gesellschaft und zudem in den Köpfen der Hamburger Politiker ändern.

Zum Katz-und-Maus-Spiel: Bei einigen Graffiti-Writern mag dieses »Ich brauche den Kick«-Ding durchaus zutreffen. Bei OZ ist das anders. OZ geht es meiner Meinung nach um ein prinzipielles Einfordern und auch Durchsetzen eines Rechts auf Gestaltung der Stadt und des persönlichen Ausdrucks und auch um Protest gegen das System. OZ, würde ich sagen, geht einfach seiner täglichen »Arbeit« nach.

Zur Frage, ob sich etwas ändern würde, wenn die Soko die Verfolgung von OZ einstellen würde: Nein, es würde sich nichts ändern. OZ würde weitermachen, wie er es in den letzten zwei Jahrzehnten gemacht hat. Und das ist auch gut so.

Gibt es ähnliche Fälle, in denen jemand so massiv verfolgt worden ist wie OZ?

Allgemein wird von Seiten des Staates mit übertriebenen und unverhältnismäßigen Mitteln gegen Graffiti vorgegangen. OZ ist das für seine Arbeit völlig egal. Er geht raus und malt. Und wenn er erwischt wird, dann ändert das nichts. Für ihn ist es sein tägliches Geschäft, andere gehen zur Arbeit und er geht halt malen. Wenn man so will: Andere gehen von 9 bis 17 Uhr ins Büro. Er geht halt raus und macht seine Arbeit.

Wenn man – situationistisch subversiv gedacht – OZ in den Kunstmarkt einführen und sein Werk vom Kunstbetrieb anerkannt werden würde, gäbe es dann überall dort, wo etwas von OZ drauf ist, automatisch eine Wertsteigerung? So wie es bei Banksy der Fall ist? Wäre das eine subversive Strategie?

Prinzipiell gebe ich dir Recht, dass eine solche Strategie in einigen Fällen etwas bewirken könnte oder vielleicht auch in der Vergangenheit etwas bewirkt hat. Wer weiß das schon so genau, wie und wo eine solche Strategie bereits unbewusst oder bewusst durch Künstler oder Galeristen eingesetzt wurde. Bei OZ ist das aber anders. Ich will sein Auftreten im öffentlichen Raum nicht inflationär nennen, aber seine Zeichen sind so omnipräsent im Stadtbild vertreten, dass bestimmte Kriterien des beschriebenen »Banksy-Kunstmarkt-Phänomens«, wie zum Beispiel die limitierte Zahl der Arbeiten, nicht greifen.

Abschließend noch einmal die Frage nach der Unterstützung und der medialen und politischen Unterstützung von OZ. Es hat während der letzten Prozesse kaum nennenswerte Solidaritätsaktionen gegeben. Klar eine Unterschriftenliste, aber hier vor der Haustür hat sich bis auf den harten Soli-Kern von USP, Gängeviertel und Roter Flora nicht viel getan. Wie erklärst du dir, dass so gut wie nichts aus dem Promibereich kommt?

Es muss immer erst einen geben, der so eine Solidaritätswelle anschiebt und dann kontinuierlich vorantreibt und Öffentlichkeitsarbeit macht. Alex Heimkind, der Betreiber der OZM Gallery, ist zum Beispiel so jemand. Noch wird dieses Bestreben, OZ als Kunstschaffenden zu betrachten, nur in Maßen in der Öffentlichkeit akzeptiert, obwohl es bereits erste mediale Anzeichen für einen Perspektivwandel gibt. Vielleicht ändert sich das, wenn erst einmal mehr Menschen für das Thema sensibilisiert sind und OZ sich auch ein wenig an das Galerieumfeld gewöhnt hat. Es ist ja bereits eine Veränderung in den Arbeiten von OZ erkennbar, seit er auch auf Leinwand arbeitet – ob einem das jetzt gefällt oder nicht. OZ scheint sich langsam, aber sicher an das Medium Leinwand und Galerie heranzutasten. Vielleicht kommt dann auch irgendwann ein Daniel Richter oder Udo Lindenberg und stellt sich hinter OZ, wer weiß.

Das Interview entstand im Rahmen des Buches „Free OZ! Streetart zwischen Revolte, Repression und Kommerz„. Das Interview führte der Hamburger Journalist KP Flügel. Es ist zuerst erschienen im Buch „Free OZ! Streetart zwischen Revolte, Repression und Kommerz“ (Assoziation A, März 2014).

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Bild © URBANSHIT  / OZ

 

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