Berliner Unterwelten – Unterwegs in Berlins spektakulärsten Bahntunneln
Urbanism 2

Berliner Unterwelten – Unterwegs in Berlins spektakulärsten Bahntunneln

Der anonyme Fotograf mit dem Spitznamen Schachtracoon steigt hinab in die Tunnel Berlins und lichtet mit seiner Kamera eine Seite der Stadt ab, die fast noch niemand zu Gesicht bekommen hat: Das gigantische Bahntunnelsystem und die unsichtbaren Hauptverkehrsadern der Hauptstadt.

Ständig rauschen wir mit dem ICE oder der U-Bahn tief unterhalb der Stadt durch Bahntunnel, ohne dabei jemals zu sehen, wie es unter den Straßen Berlins eigentlich aussieht. Hin und wieder ein Notausgangsschild, sonst nichts als schwarz, wenn man aus dem Fenster des Zuges schaut. Der Berliner Fotograf Schachtracoon hat es sich zur Aufgabe gemacht den unsichtbaren Teil der Stadt sichtbar zu machen.

„Der Berliner Fotograf SchachtRacoon schafft es mit seinen beindruckenden Fotos auf ästhetische Art und Weise die Bauwerke der Stadt einzufangen, die niemals jemand zu Gesicht bekommen sollte.“

Dafür steigt er mehrmals die Woche hinab in den Untergrund und geht schachten. Dabei fängt er mit seiner Kamera die Schönheit und Mächtigkeit der verborgenen Verkehrsadern ein, die Berlin stadtweit untertunneln. Während die ICE Züge vorbei rauschen und die Fahrgäste aus ihren Fenstern ins Schwarz des Tunnels starren, portraitiert Schachtracoon die Stimmung und Architekturen des Untergrunds. Vermutlich kaum einer kennt die Berliner Fernbahntunnel so gut wie er, nicht mal die Bahn selbst. Sein aktuellstes Projekt ist eine Fotostrecke eines der größten Tunnel der Stadt und Berlins wohl mächtigstes und aufwendigstes Tunnelsystem.

All Pictures by courtesy of the artist SchachtRacoon

Seinen echten Namen verrät der Anfang 30-jährige Fotograf verständlicherweise nicht. Und das nicht nur, da er mit seinen Fotos eine Perspektive zeigt, die vom System schlichtweg nicht vorgesehen ist, sondern auch aus einem ganz einfachen anderen Grund: Die Fotos der Tunnel sprechen für sich. Was zählt ist das Bild und die besondere Stimmung, nicht der Name unter dem Bild, so der Berliner Fotograf im Interview. Wer sich die Fotos einmal angeschaut hat, möchte am liebsten bei der nächsten Einfahrt in den Berliner Hauptbahnhof das Licht im Tunnel anschalten.

Wir haben mit SchachtRacoon über das Schachten, die Liebe zu Tunneln und den unsichtbaren Teil Berlins im Interview gesprochen.

Urbanshit: Die meisten Fotografen lichten das Geschehen überhalb der Erdoberfläche ab. Du gehts in den Untergrund. Was fasziniert sich an den Tunneln so?

Schachtracoon: Mich faszinieren diese riesigen Bauwerke, die Atmosphäre und das dort pro Tag zig tausende Züge lang donnern und kaum einer weiß, wie es dort eigentlich aussieht. Dabei ist es so spannend da unten und das möchte ich mit meinen Fotos ändern, indem ich es zeige. Angefangen hat die Liebe zu Tunneln durch ein Treffen mit einem Berliner Fotografen, der auch Tunnel fotografiert hat. Ich entdeckte seine Fotos und er wurde eine Art Vorbild für mich. Ich schrieb ihn dann mal an und wir sind dann zusammen schachten gewesen .

Wie ist die Stimmung da unten?

Ruhig, friedlich und ich finde entspannend. Es ist, als ob du komplett in einer anderen Welt bist und das, obwohl du nur unterhalb der Stadt bist.

Jeder ist schon mal mit der Fern- oder U-Bahn durch die Tunnel gefahren, die Du fotografierst. Gesehen hat sie allerdings noch fast niemand. Was ist das für ein Gefühl einen Ort als erster und nahezu einziger zu betreten?

Sehr, sehr geil. Ich sehe mich als erstes immer um, lasse alles auf mich wirken. Dann mache ich meine Fotos und bin dann wieder verschwunden. Meistens dauert es so 3-4 Stunden wenn ich im Schacht bin. Die Tunnel sind nicht gerade klein und da dauert es halt etwas. Ich hinterlasse also nur Fußabdrücke und komme mit Fotos im Gepäck zurück.

Gehts Du nach Betriebsschluss der Bahn in die Tunnel oder rauschen an Dir beim Fotografieren die ICEs und U-Bahnen vorbei?

60% bin ich angemeldet in den Tunneln, das bedeutet Lokführer oder andere Bahnmitarbeiter machen mir es klar, dass ich meine Fotos machen kann. Dort ist dann gerade das Gleis gesperrt oder es ist Betriebsschluss. Die anderen 40 % mache ich es auf Racoon Art, dass heißt, ich gucke, wie es möglich ist, an die Fotos zu kommen. Dazu gehört viel Planung, was bedeutet, dass ich zum Beispiel den Tunnel zig mal abfahre – entweder vorne beim Lokführer oder als Fahrgast – und beobachte wo was los ist. Wenn ich alle Infos habe, dann geht’s los. Wenn ich gut geplant habe, merkt es niemand, wenn an mir mal ein Zug vorbei rauscht, was immer mal wieder passiert. Und da die Lokführer alle geradeaus gucken müssen, sehen sie mich auch nicht.

Gab es schon mal eine brenzlige Situation wo Du gedacht hast: shit, was mach ich jetzt?

Brenzlig eher nicht, nur nervös, weil es das erste Mal war. Danach gewöhnte ich mich schnell dran und ich weiß ganz genau, was ich tun muss, wenn es wieder eintreffen sollte. Ich  lief mit einem Kollegen eine 700 m lange Tunnelröhre entlang , wir wollten auf der anderen Seite Fotos machen. Plötzlich sprang das Signal auf grün, weil ein Zug der eigentlich 40 Minuten Verspätung hatte nun früher auftauchte (sowas kann immer vorkommen, daher muss ich ständig auf alles achten). Wenn du dann in einer Tunnelröhre ohne Ausgang bist, hast du ein Problem, wenn du nicht weißt was du zutun hast. Und daher  haben wir uns dann flach auf den Boden neben die Gleise gelegt. Dann kam der Zug mit 50 km/h durch die Tunnelröhre. Das werde ich nicht vergessen, du liegst in nem Tunnel auf’m Boden guckst nach oben und siehst einen tonnenschweren Zug kommen. Während allen anderen die Körperflüssigkeiten entwichen wären vor Angst, lagen mein Kollege und ich nur auf’m Boden und hatten nur etwas Herzrasen. Der Zug fuhr an uns vorbei und nichts passierte, weil noch genug Platz war. Wir sind dann aufgestanden als der Zug weg war und zu unserem Ziel gelaufen und haben unsere gewünschten Fotos bekommen.

Tunnel sind eine der wichtigsten Infrastrukturbauwerke der Stadt, die nie jemand zu Gesicht bekommt. Siehst Du dich auch als eine Art Architekturfotograf des Untergrunds?

Jein. Ich sehe mich eher als ein Künstler der Sachen zeigt, so wie sie wirklich sind und der Sachen zeigt, die eigentlich niemand sehen soll und darf. Ich versuche immer den Moment und die Einzigartigkeit des Bauwerks einzufangen. Im Beamtendeutsch würde man mich einen Systemsprenger nennen, weil ich aus dem Hamsterkäfig ausbreche und halt etwas mache, was eigentlich nicht normal ist. Aber hey, ein Racoon muss tun was ein Racoon tun muss.

Du kennst so gut wie jeden U- und Fernbahntunnel Berlins. Welcher Tunnel war für Dich am beeindruckendsten?

Ich würde sagen ich kenne rund 75 % der Tunnel in Berlin, vielleicht sogar besser als es die Verkehrsunternehmen selber tun. Der für mich spektakulärste Tunnel befindet sich im Herzen der Hauptstadt und ist zugleich auch Berlins Hauptschlagader des Berliner Bahnverkehrs. Der Tunnel ist von seiner Art und Bauweise einfach beeindruckend. Wer diesen Schacht einmal gesehen hat, wird ihn nie wieder vergessen.

Gehst du alleine los oder hast du immer jemand bei dir ?

99% bin ich alleine unterwegs, weil es ruhiger ist. Ab und zu kommt aber jemand mit bei Tunneln wo es sinnvoller ist noch ein zweites Paar Augen und Ohren dabei zuhaben. Bei mir ist alles durchgeplant, auch wann und wo ich jemanden mitnehme. Es gibt nur zwei Freunde von mir, die mitkommen, weil alle anderen  tierische Panik haben.

Was Du machst ist offensichtlich nicht immer erlaubt. Wurdest du schonmal erwischt?

Nein, da ich nicht auffalle, das bedeutet, wenn mich jemand sieht, denkt er nicht, dass ich ein Fotograf bin. Oder besser gesagt: Man nimmt mich nicht war, so wie ein Racoon. Ein Racoon kommt auch still und heimlich. Genau so mache ich es auch. Zudem plane ich alles immer bis aufs letzte durch.

Was hat es mit dem Namen SchachtRacoon auf sich?

Racoons (Waschbären) sind meine Lieblingstiere. Freunde von mir meinten mal, dass ich wie ein Racoon aussehe und auch so laufen würde, wenn man mich von der Seite anguckt. Und da ich für meine Fotos 90% in Tunneln unterwegs bin, entstand der Name SchachtRacoon.

Vielen Dank für das Interview.

Das könnte dir auch gefallen

  • Nachtschachtgewächs sagt: 27. August 2019 um 09:44

    Sehr schöner Einblick in die faszinierende Unterwelt. Das macht Lust auf mehr. Danke dafür!
    Finden sich mehr Werke vom Schachtracoon im Internetz?

  • Karsten Herold sagt: 28. August 2019 um 14:44

    Geile, geile Fotos. Am beeindruckendsten ist der große runde Tunnel, der wohl ein Fernbahntunnel sein muss. Welche Kamera wurde eigentlich benutzt?