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URBANSHIT

Street Art | Graffiti | Urban Culture

Interview mit Jan-Willem Wulff von der Vicious Gallery

Die freie Journalistin Anna Moldenhauer hat Jan-Willem Wulff von der Hamburger Vicious Gallery getroffen. Das Interview gibt es nun hier zu lesen. Danke Anna!

„Street Art ist der Begriff, den die Künstler am wenigsten hören wollen“
Mitten in Hamburg-St. Pauli: Die Vicious Gallery stellt seit 2006 unweit der Reeperbahn Werke von international bekannten Urban Art-Künstlern aus. Anna Moldenhauer hat einen der drei Galeristen, Jan-Willem Wulff, interviewt.

Warum habt ihr euch auf Street Art Künstler spezialisiert?
Jan-Willem Wulff: Weil zwei von uns selbst Künstler waren, oder sind. Wir haben da alle Know-How, einen engen Bezug und sind mit der Szene verbunden.

Wie findet ihr die Künstler?
Jan-Willem Wulff: Einige suchen wir gezielt aus und sprechen sie dann an. Entweder sozusagen „kalt“, im besten Fall aber über eine Kontaktperson. Meist ist das ein anderer Künstler, der schon für uns gearbeitet hat. Die Empfehlung hilft da sehr viel, gerade wenn man Künstler im Ausland angeht. Wir haben jetzt z.B. bald „Revok“ aus Los Angeles hier, den lassen wir extra einfliegen. Und an solche Leute kommt man gewöhnlich sehr schwer ran. Da hat uns auch ein befreundeter Künstler connected. Dann ist es auch so, dass uns viele Künstler anschreiben. Von denen nehmen wir allerdings kaum jemanden, das findet ganz selten statt.

Nach welchen Kriterien sucht ihr aus?
Jan-Willem Wulff: Wir gehen von drei Kriterien aus: Erstens muss es uns gefallen. Zweitens muss es in den Rahmen passen. Das heißt die Preise sollten so sein, dass sich die Arbeiten überhaupt verkaufen lassen. Und der dritte Punkt ist eben, das wir das Gefühl haben müssen, dass es nicht nur uns gefällt, sondern auch anderen. Wenn du drei Shows nur nach deinem Geschmack machst, aber nichts verkaufst, dann kannst du die Galerie zu machen.

Wie legt ihr die Preise fest?
Jan-Willem Wulff: Die Preise legen wir gemeinsam mit den Künstlern fest. Der kommt meist mit einer gewissen Vorstellung her, fragt uns aber auch. Da gibt es die zwei Hebel, entweder macht man alles ein wenig günstiger und versucht somit mehr Stückwerke zu verkaufen, oder man hat schon ein Niveau und sagt da reicht es auch, wenn ich nur zwei Stück verkaufe.

Wie kann man sich das vorstellen, wo starten die Preise?
Jan-Willem Wulff: Wenn ein einzelnes Werk über 10.000 Euro kostet, was wir haben, dann ist es innerhalb einer Ausstellung ein spezielles Stück. Aber im Prinzip versuchen wir es immer so zu machen, das es einige ganz wenige hochpreisige gibt, dann etwas in der Mitte und auch darunter. So dass jeder die 
Chance hat, etwas zu erwerben. Das letzte Glied in der Kette sind die Siebdrucke, die gehen dann teilweise schon ab 150 Euro los. In vielen Fällen machen wir auch noch ein T-Shirt. Der Künstler entwirft das Design und das Shirt kostet dann so um die 30 Euro.

Ist die Zusammenstellung der Werke in der Ausstellung ein Mix aus bereits vorhandenen und neuen Arbeiten?
Jan-Willem Wulff: Normalerweise ist es so, dass der Künstler extra für die Ausstellung Werke anfertigt, weil sich dieser natürlich auch weiterentwickeln will. Mit jeder Ausstellung die er hat, egal wo, versucht er auch einen Schritt voranzukommen und sich zu präsentieren. Und wenn man feststellt, der entwickelt sich nicht weiter oder macht Rückschritte, dann wird für ihn das Leben nicht einfacher.

Welche Zielgruppe habt ihr, was die Kunden betrifft?
Jan-Willem Wulff: Da gibt es keine Präferenzen. Wir wollen alle ansprechen, die sich für Kunst interessieren. Deswegen gestalten wir es auch äußerst locker. Wir haben bei den Vernissagen Musik und einen Barbetrieb, im Moment ist es auch noch so, dass man ab 22 Uhr hier rauchen kann. Es hat so einen leichten Partycharakter. Das heißt, es kommt auch immer eine gewisse Anzahl, die nichts kaufen. Aber die nehmen das halt wahr, um einen schönen Abend zu haben. Was natürlich den Vorteil hat, das wir erstens Umsatz mit der Bar machen und es für alle gut ist, wenn hier viel los ist.

Das Publikum ist nicht zu jung, aber das ist auch allgemein im Street-Art Bereich, dass das für Teenies eigentlich nicht so ein Thema ist. Die finden das zwar cool, dass die Stadt so schön bunt ist und tolle Sachen an den Wänden hängen. Aber das die sich da richtig für interessieren und auch die Leute kennen die dahinter stehen, das geht eigentlich erst ab Zwanzig los. Bis auf Ausnahmen. Die Kids, die Grafitti sprayen, die kennen sich natürlich auch aus. Aber die machen das mehr wegen des Kicks, weil es illegal ist. Die haben natürlich auch künstlerischen Anspruch, aber kommen jetzt nicht unbedingt in die Galerie. Und wenn, dann kratzen sie ihren Tag bei uns in die Scheibe. (lacht)

Kannst du schon sagen, welchen Künstler ihr als Nächstes präsentieren werdet?
Jan-Willem Wulff: Moritz Hoffmann aka „Dr. Mo“ kommt in November, das wird eine Kurzausstellung, die nur zwei Wochen geht. Wir planen gerade ein paar strukturelle Veränderungen. Im Dezember dann „Revok“ aus Los Angeles. Der präsentiert seine Arbeiten zum ersten Mal in Deutschland.

Man hört ja oft, dass Street Art ihre Unabhängigkeit verliert, wenn sie in Galerien ausgestellt wird. Was meinst du dazu?
Jan-Willem Wulff: Das mit den Begrifflichkeiten ist so eine Sache. Street Art 
passt ja hier auch nicht mehr so richtig und viele Künstler flippen komplett aus, wenn du das Wort sagst. Die wollen sich als Künstler sehen, und in den seltensten Fällen in Kategorien gesteckt werden, wie Street Art oder Urban Art. Klar, wenn sie draußen eine Wand besprühen, dann ist es natürlich Graffiti. Aber ansonsten reagieren da einige allergisch auf diese Unterteilungen. Und Street Art ist der Begriff, den sie am wenigsten hören wollen. Wenn dann eher Urban Art.

Man benutzt diesen Begriff Street Art natürlich auch, weil er etabliert ist. Wenn wir jetzt eine Anzeige schalten würden und da steht Contemporary Art und „Dave the Chimp“, dann kommen eventuell nicht die Leute, die „Dave the Chimp“ kaufen würden, weil sie ihn woanders einordnen. Diese Künstler haben auf der Straße angefangen, das sind ihre Wurzeln. Aber jeder fängt halt irgendwo an und entwickelt sich dann weiter. Die sind jetzt auf einem Status, dass sie hauptberuflich von ihrer Kunst leben. Und dementsprechend natürlich auch in Galerien ausstellen. Die verleugnen nicht ihre Wurzeln, wollen aber auch nicht darauf festgenagelt werden. Das ist vor allem bei Künstlern so, die viele verschiedene Techniken beherrschen. Graffiti ist ja sprayen in erster Linie. Street Art besteht aber auch noch aus Kleben und Ad-Busting (Verfremdung von Werbung), Guerilla Gardening und was du da nicht alles hast. Und auch aus Performance: Leute kippen z.B. einen Eimer Farbe auf der Straße aus und lassen die Autos da durch fahren. Ganz ehrlich, davon muss man sich mal abgrenzen. Auch weil das auch gerade so En Vouge ist, das jeder dritte Grafik- Designer meint, er müsste jetzt nachts rausgehen und irgendwelche Smileys an die Wand kleben. Wenn man das hauptberuflich macht und eine eigene Formsprache entwickelt hat – dann ist klar, dass man nicht mit diesen Leuten in einen Topf geworfen werden will, die das just for fun machen um bei Facebook rauszuhauen „Hey, guck mal wie cool“, und dann ist Schluss.

Was haltet ihr davon, dass z.B. Banksys Arbeiten hoch gehandelt werden, aber jemand wie Oz ins Gefängnis muss und seine Arbeiten als Schmiererei dargestellt werden?
Jan-Willem Wulff: Also hier in Hamburg würde Banksy genauso vor Gericht stehen, wenn sie ihn erwischen würden. Er könnte sich nur einen besseren Anwalt leisten. Und bei Oz ist ja auch das Problem, das der Staat damit nicht mehr umgehen kann. Weil er halt nicht aufhört und sich auch immer wieder erwischen lässt. Der Staatsanwalt weiß nicht mehr, was er mit dem machen soll. Der steckt ihn ins Gefängnis, dann kommt er wieder raus und drei Tage später malt er wieder. Und das seit 25 Jahren. Deswegen ist er ja auch so legendär.

Bansky ist was ganz anderes, finde ich. Er ist weltweit bekannt, weil er dieses ganze Kunstsegment so berühmt gemacht hat. Das was Banksy macht, kommt bei der Masse gut an. Das kannst du vielen Leuten zeigen, auch denen, die sonst Graffiti als Schmiererei bezeichnen würden. Die haben da schon ein Bewusstsein für ihn entwickelt, weil seine Werke unter anderem beim Auktionshaus Christie’s versteigert werden oder Hollywoodstars seine Sachen kaufen. Das was Oz macht, ist im Gegensatz zu Banksy äußerst abstrakt. Das ist ja auch Grund des Erfolges von Banksy, das jeder sofort die Message versteht und die auch noch weltweit Gültigkeit hat. Polizisten oder irgendwelche Autoritäten sind halt überall unbeliebt, da kann sich jeder ganz schnell mit anfreunden.

Du meinst, Oz ist nicht so leicht aufzufassen wie Banksy?
Jan-Willem Wulff: Ja genau. Da muss man schon unterscheiden. Obwohl, wenn man es absolut sieht, beide malen illegal in der Stadt. Der eine wird bestraft, der andere nicht. Aber so ist das nun mal im Leben. Man darf sich eben nicht erwischen lassen. Ich finde das auch blöd, vor allem weil ich die Sachen, die Oz hier in der Stadt macht, schön finde. Für mich gehören beide nicht ins Gefängnis.

Ihr habt neben der Galerie noch einen Street Store, richtig?
Jan-Willem Wulff: Ja, wir teilen uns den Store mit unseren Freunden von Just Fitteds, das ist hier in Hamburg die Baseball-Cap Kompetenz. Wir ziehen gerade in die Feldstraße um, in einen größeren Laden. Da verkaufen wir aber nur unsere Textilien, also die angesprochenen T-Shirts oder auch Hoodies etc., die von unseren Künstlern kreiert worden sind. Das ist einfach nur ein Zweig, weil wir auch wirtschaftlich denken müssen. Im Gegenzug ist es so, das wir die Marke nach vorne bringen und auch Leuten die Möglichkeit geben können etwas zu kaufen, die nicht so viel Geld haben. Die können sich dann halt ein T- Shirt kaufen und das mit Stolz tragen. Und wenn die ein paar Jahre älter sind und einen Job haben, dann kommen sie wieder und kaufen ein Bild.

Hat sich die Nachfrage nach diesen Merchandising-Artikeln in den letzten Jahren verändert?
Jan-Willem Wulff: Was heißt verändert, es ist einfach schwieriger geworden. Jetzt kann jeder über das Internet T-Shirts machen und die verkaufen. Deswegen ist da eine extrem hohe Konkurrenz-Situation. Aber ansonsten ist es so, dass unsere Shirts von Künstlern stammen, die auf der ganzen Welt einen Namen haben. Und die Leute wissen auch, das Shirt gibt es nur in einer gewissen Auflage und nur bei uns. Dem einen gefällt einfach das Motiv und die anderen kennen auch den Künstler dahinter und freuen sich, das man so was überhaupt kaufen kann.

Nebenher organisiert ihr auch noch Projekte wie AutoMART, wo international renommierte Künstler wie Milk oder Mr. Nonski in München und Hamburg Zigarettenautomaten in Kunstobjekte verwandelt haben. Warum engagiert ihr euch für solche Projekte?
Jan-Willem Wulff: Wir haben letztes Jahr ein großes Projekt in Berlin gemacht, Turmkunst. Und wir machen seit jeher Kooperationen mit der Industrie. Letztes Jahr, hast du richtig erkannt, mit Reemtsma. Sprich mit Gauloises. Da spielt der wirtschaftliche Hintergrund eine ganz große Rolle, das muss eben alles bezahlt werden. Wenn wir eine Ausstellung machen, dann müssen wir in 
Vorleistung gehen. Produktionskosten bezahlen, den Flug, die Unterbringung, die Verpflegung für den Künstler. Aber keiner weiß, ob wir überhaupt einen Euro davon wiedersehen, ob wir ein Bild verkaufen. Das ist in vielen Bereichen der Kreativbranche so, auch wenn du eine Platte oder einen Film machst. Deswegen organisieren wir im Durchschnitt ein großes Projekt im Jahr und auch mal zwei oder drei kleinere Sachen. Ideal ist es, wenn das Projekt wirklich toll ist und die Galerie und die Künstler beide davon profitieren, weil es für großes Aufsehen sorgt. Bei Turmkunst ist sogar ein Film und Buch daraus entstanden, das ist natürlich der Optimalfall. Aber so kann es nicht immer laufen und wenn dann eine Zigarettenfirma zu uns kommt, muss man auch mal einen Kompromiss machen. In Amerika ist private Sponsoring schon Gang und Gäbe, da geht ohne fast gar nichts.

Habt ihr für 2012 schon ein weiteres Projekt in Planung?
Jan-Willem Wulff: Ja, in 2012 wird es auf jeden Fall noch ein weiteres Projekt geben. Dazu gibt es auch ein paar kleine Anfragen. Zum Beispiel von einem Fashionlabel, welches mit unseren Künstlern limitierte, speziell entworfene Caps machen will. Da wird jetzt keiner reich mit, aber so was machen wir auch mal. Da freuen sich alle drüber und man ist mal wieder in Blogs.

Werdet ihr für diese Projekte auch kritisiert?
Jan-Willem Wulff: Ja, immer mit den selben Argumenten. Kommerz und so weiter. Aber die Leute wissen halt auch nicht, dass wenn man so etwas nicht macht, dann gibt es eben keine Galerie. Und dann können sich die Künstler nicht präsentieren. Und wenn die Künstler sich nicht präsentieren können, können sie kein Geld verdienen. Am Ende gibt es dann weniger Künstler und damit weniger Kunst. Wenn dass das Ziel ist, ja bitte.

Wie viel Künstler habt ihr seit der Gründung der Galerie im Jahr 2006 ausgestellt?
Jan-Willem Wulff: Über 50. Wir hatten sonst so neun, zehn im Jahr, was sehr viel ist. Wir wollen ab nächstem Jahr weniger ausstellen, aber diese Ausstellungen dann besser vorbereiten. Also lieber etwas weniger, aber dann die Qualität steigern, sowohl bei der Außenwirkung als auch bei der Ausstellung selbst. Das ist natürlich auch ein Risiko, weil die Miete wird jeden Monat fällig. Das heißt, du musst mit einer Show dann schon zweimal Fixkosten drin haben.

Habt ihr mal überlegt zu expandieren, z.B. in Berlin eine weitere Galerie aufzumachen?
Jan-Willem Wulff: Nee, also der nächste Schritt sind erst mal größere Räumlichkeiten hier in Hamburg.

Vielen Dank für das Interview!

Das Interview hat Anna Moldenhauer geführt. Danke für die Veröffentlichung auf urbanshit!

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via Mail
Foto: (c) Vicious Gallery

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